Leseprobe

Was erwartet dich?

 

Eine abenteuerliche Fantasy-Story gepaart mit Reiseerzählungen, Tipps für einen Island-Urlaub treffen auf Sagas in der Lightversion, magische Momente a lá Cecilia Ahern kombiniert mit Humor wie wir ihn von Tommy Jaud kennen. Löst man den roten Faden um die verpackte X-Mas-Geschichte und wickelt das Papier der Freundschaft und Hoffnung ab, so kommt es zum Vorschein: Das Geschenk an unsere Umwelt. Kleine Tipps was du selbst tun kannst um Umweltschutz zu betreiben, kreuzen sich mit dem eigentlichen Projekt: Die Entstehung einer Eisbären-Auffangstation. Ja, auch eine Baustelle kann lustig sein... 

Diese geschickt verknüpften, vielschichtigen Genres, passen nicht in eine Schublade, das ist auch nicht gewollt, denn

                         

                           Umweltschutz geht schließlich alle an!

 

 

1. Kapitel

 

Nervös fummele ich an meinem Taschentuch. Ich werde immer unruhiger, denn dieser Augenblick, wenn man in den Sitz gedrückt wird, die Maschine Anlauf nimmt, beschleunigt und abhebt, bringt mich immer fast um den Verstand. Ich hasse fliegen, da gibt es nichts zu beschönigen. Obwohl ich dem eigentlich gelassen entgegensehen müsste, denn ich habe das früher beruflich gemacht. Nein, ich bin keine Pilotin oder Stewardess, ich habe die Dinger repariert. Ich bin Fluggerätmechanikerin, oder eher: Ich war es, ich habe vor langer Zeit meinen Blaumann – zugunsten meiner Küchenschürze – in meinem Spind zurückgelassen, doch mittlerweile kann mein Nachwuchs selbst kochen. Jetzt fragst du dich sicher:

„Ist die blöd? Warum geht sie nicht zurück zu ihren Fliegern und tauscht so einen coolen Job gegen Eisbären?“

Oh, den Grund will ich dir gerne verraten: Ich habe einen toten Eisbären gesehen – und es war scheiße. Es gibt genug Leute, die sich um kaputte Flugzeuge kümmern, aber unsere Natur braucht viele heilende Hände: Ich will lieber ein Stück Welt reparieren, anstatt totes Blech zusammenzuschrauben. Daher bitte ich dich: Bleibe bis zum Schluss an meiner Seite. Du bist die finanzielle Basis dieses unkonventionellen Projektes – ohne dich wird es nicht zum Laufen kommen.

Also Prösterchen, auf gute Zusammenarbeit.

„Ich“ bin übrigens authentisch, also keine erfundene Person, aber weil eine reine Autobiografie die Ausmaße eines Pixi-Buches gehabt hätte, bin ich nur der Kitt zwischen allen Bauteilen dieses Projektes geworden. Okay, vielleicht werde ich die Spachtelmasse streckenweise mal etwas dicker auftragen, aber sonst wäre es ja auch keine Abenteuergeschichte geworden. Augenblicklich muss ich mich aber erst einmal von meiner Stresssituation etwas ablenken - deshalb drücke ich meinem Sitznachbarn einfach die Opferrolle auf:

„Entschuldigung, ich habe so schreckliche Flugangst, darf ich mich Ihnen vorstellen?“

„Okay, wenn es sein muss …“, der Herr neben mir ist gelangweilt.

„Ich heiße Stefanie, bin 44 Jahre alt, recht groß und schlank, aber das können Sie jetzt nicht so sehen. Ich bin zwar alleinreisend, aber momentan froh darüber, dass ich hier drinnen nicht alleine bin und Sie mir wenigstens gedanklich die Hand halten.“

„Lassen Sie Ihre Hände schön da, wo sie sind.“ Er ruckelt seinen Schal zurecht.

„Natürlich, ich meine ja auch nur gedanklich. Da wir nun quasi Sitznachbarn sind, können wir uns auch duzen. Auf Island ist das ganz normal. Ich könnte dir meine halbe Lebensgeschichte anbieten, Hausfrauenkram ist aber nicht wirklich spannend. Spannend ist, weshalb ich auf die Insel reise: Ich möchte aktiven Umweltschutz betreiben und dort etwas für Eisbären tun.“

„Okay, ‚du‘ wolltest dich vorstellen und mir keinen Knopf ans Ohr reden. Es gibt auf Island übrigens gar keine Eisbären.“ Mein Nachbar zieht seinen Hut tiefer ins Gesicht. Warum muss ich ausgerechnet an so einen Brummbären geraten? Er scheint nicht sehr gesprächig zu sein.

„Ach, was du nicht sagst. Deshalb will ich sie da auch etablieren. Diese zotteligen Riesen haben es nicht leicht, ich habe mal einen toten Eisbären gesehen, das hat mich so wütend gemacht, dass ich beschlossen habe, dieses Ding wirklich durchzuziehen. Wusstest du, dass angespülte Tiere, die aufgrund der Klimaerwärmung ihre Heimat verlassen müssen, ewig auf ihrer Scholle geschippert, ausgehungert und kraftlos sind, einfach abgeschossen werden, wenn sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben?“

„Nö…“

„Ich aber - und das ist so grausam. Nur weil die Isländer angeblich kein Geld für eine Auffangstation haben, kann man doch nicht diese wunderbaren Geschöpfe einfach abknallen. Schließlich stehen sie auf der Roten Liste. Stelle dir mal vor, du persönlich stündest so einem Bären gegenüber, schaust ihm Auge in Auge, legst dann ganz gezielt – und nicht aus Notwehr – ein Gewehr an und musst dieses arme Tier erschießen, nur weil dein Chef nicht weiß, wo er es unterbringen soll. Vielleicht ist es noch nicht einmal gleich tot, es brüllt und blutet und du musst noch mal nachladen, schrecklich, nicht wahr? Verstehst du, was ich meine? Oh, ich rege mich schon wieder auf!“

„Ja, das ist wirklich nicht toll, aber was willst du denn alleine gegen so etwas ausrichten?“ Ich bemerke an seinem Tonfall, dass es ihm anscheinend egal ist.

„Es ist immer leicht wegzusehen, aber irgendjemand muss es ja tun. Die Klimaerwärmung hat schon lange angefangen, es werden immer mehr Eisbären auf Island ankommen. Aber ich habe einen Plan: Ich möchte mit der Regierung sprechen, ein Reisetagebuch führen und es später verkaufen. Das Geld für diese Geschichte wird den Eisbären dann schon helfen.“

An den hochgezogenen Brauen, die plötzlich über den Sonnenbrillenrand hinwegschauen, erkenne ich etwas Abwertendes, dann verschwindet er einige Minuten schmunzelnd hinter seiner Zeitung.

Ich nehme einen neuen Anlauf:

„Aber jetzt zu dir, warum reist du eigentlich auf die Insel? Du bist doch sicherlich ein Abenteuer-Fan? Was wirst du dort tun? Eiskraxeln oder Reiten? Oder bist du vielleicht ein Höhlenforscher?“

„Gar nichts von dem.“ Genervt lässt er die Zeitung auf die Knie sinken.

„Ach so, du bist also ein Lesetourist“, stelle ich freundlich fest und setze nach, um das Gespräch am Laufen zu halten. „Du wirkst übrigens sympathisch auf mich, aber Survival oder zumindest Camping ist schon dein Ding, oder? Hast du eigentlich schon eine Unterkunft?“

„Ja. Einen Lesesessel - und jetzt ist Schluss mit dem Verhör!“

„Eigentlich könntest du auch bei mir wohnen, ich habe genug Platz. Begleite mich doch einfach, aber ich muss dich vorwarnen, ich habe aufgrund eines Unfalles ein paar Schwierigkeiten im Gepäck des Lebens. Ich habe keinen Orientierungssinn und ein gestörtes Gleichgewichtsorgan. Wobei Letzteres nicht so nervig ist wie immer nicht zu wissen, wo man gerade ist, und immer alles so neu auf einen wirkt. Last but not least, bin ich auch nicht sonderlich diplomatisch, das ist auch nicht immer leicht, sage ich dir. Dafür ist es mein Mann umso mehr. Er ist übrigens beruflich sehr eingespannt, wie alle Leute, die auf der Karriereleiter stehen, das ist auch der Grund, weshalb ich alleine unterwegs bin.

Aber ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln und was den Tag sonst noch verdirbt, ist nach achtzehn Jahren Vollzeit–Mutter - Dasein einfach so abgedroschen, dass es Zeit für ein kleines Abenteuer ist. Nein, ich werde mir keine Affäre zulegen, aber ich werde mir die Freiheit nehmen, mich auch mal um mich zu kümmern, und nicht nur um den Geschirrspüler. Außerdem will ich die Welt verbessern. Willst du mich jetzt begleiten, oder nicht?“

„Ja, aber ich werde nicht aus meinem Sessel aufstehen.“

„Abgemacht. Du kannst nicht zufällig Isländisch?“

„Nein.“

„Ich auch nicht, aber auf Island kommt man mit Englisch ganz gut klar. Stewardess, könnte ich bitte noch einen Kaffee bekommen? Danke. Willst du auch einen?“

„Ja.“

„Bitte sehr, zu einem guten Buch gehört mindestens eine Tasse Kaffee.“ Ich reiche eine Tasse an meinen Sitznachbarn durch. „Eine Kleinigkeit würde ich gerne noch anmerken: Sollten wir auf dem Rückflug wieder nebeneinander sitzen, bitte ich dich, am Abend vorher keine Fische zu räuchern, der Duft zieht so in die Kleidung, und die Schuhe lasse auch bitte an. Danke, das musste ich bei meinem letzten Flug nämlich schon einmal aushalten und entschuldige bitte, dass ich so viel geredet habe, aber ich bin schrecklich nervös, wenn ich in einem Flugzeug sitze.“

Endlich höre ich die Durchsage: „Meine Damen und Herren, wir verlassen nun unsere Reisehöhe. Ich bitte Sie, sich anzuschnallen, die Lehne und das Tischchen in aufrechte Position zu bringen, wir werden in einigen Minuten in Kevlavik, Island landen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und einen angenehmen Aufenthalt auf unserer Insel.“

„Dann wirst du wohl endlich den Mund halten und mit der Geschichte beginnen.“

„Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden.“

„Klappe, Tussi.“

„Ach so ja, natürlich. Danke, dass du darauf geachtet hast.“ Und ich klappe mein Tischchen nach oben.

 

2. Kapitel

 

Die Maschine ist gegroundet, die entsprechenden Signale, um die Gurte zu lösen, erscheinen und erstrahlen in meinen Augen wie die Weihnachtswelt bei den Griswolds. Endlich kann ich wieder raus.

Kevlavik ist der Hauptstadt Reykjavik circa vierzig Kilometer vorgelagert und ist ein internationaler Flughafen, aber nur halb so groß wie der in Hannover oder Münster-Osnabrück. Viel mehr als eine Ankunftshalle, Gepäckband, ein Imbissstand und der Ausgang ist hier nicht, und um die Ecke auf dem Hof ist ein Autovermieter ansässig. Ich wuchte meine Taschen auf einen Gepäckwagen und schaue mich nach dem orange-schwarzen Schriftzug des weltweiten Autoverleihers um.

Vor zwei Jahren haben wir auf der Insel unseren Sommer-Familienurlaub verbracht, aber dass ich schon einmal da war, heißt bei mir nichts. Einmal ist keinmal; um mich auszukennen, brauche ich schon etwas mehr – mehr von allem; aber erst einmal brauche ich ein Auto, um von hier wegzukommen, denn Kevlavik ist nicht mein Bestimmungsort, hier ist nur der Flughafen – und schätzungsweise fünfzig Häuser und ein oder zwei kleine Hotels.

Ein Auto leihen via Internet habe ich noch nicht gemacht. Das macht mein Mann Christian immer, denn er bekommt ja auch die Prozente, ich hingegen die Krise, wenn ich vor dem Rechner sitze. Wir haben eben klare Arbeitsteilung bei der Reisevorbereitung, er macht solche Sachen und ich kümmere mich um die Klamotten, so funktioniert unser familiäres Teamwork schon viele Jahre lang.

Mutig gehe ich auf den Sixt-Schalter zu. Ich spreche kein Isländisch. Ich habe es versucht zu lernen, aber es ist schwer und auf dem europäischen Festland so gut wie unnötig. Es ist ein Nice-to-have und eine so winzige Nische, in die ich nicht mal hineinpassen würde, selbst wenn ich die Größe von Nils Holgersson angenommen hätte. Du kennst doch den Däumling, der mit seinen Gänsen durchs Vorabendprogramm bis nach Lappland flog?

Ich steuere auf die skandinavisch anmutende Blondine hinter dem Schalter zu und lege mir meine Fragen auf Englisch zurecht, da überreicht sie mir, nachdem ich meinen Namen genannt habe, schon lächelnd den Autoschlüssel samt Navi, zeigt auf die Unterschriftenzeile, und gibt mir freundlich zu verstehen, dass mein Mann bereits alles gebucht und bezahlt hat. Sie wünscht mir eine vergnügliche Zeit in ihrem Land und bei Problemen stünde sie gerne zur Verfügung. Welches meiner vielen Probleme wird sie wohl meinen? Alle … ?

Das Navi packe ich erst mal auf den Beifahrersitz, denn es lohnt sich nicht, darauf herumzudrücken, ich komme damit eh nicht zurecht und wenn ich alle Tasten durchprobiert habe, ist es entweder abgestürzt oder ganz kaputt. Ich folge einfach der geteerten Straße nach Reykjavik – zugegeben, es ist die einzige. Die Landschaft gleicht einer Ödnis, wie sie wohl nur Mork vom Ork kannte: Graue Lavasteine, überzogen mit (kotz)grünen Moosflechten bilden das Panorama, die Berge im Hintergrund sind aschfarben und der Himmel hat nicht gerade die Strahlkraft einer Urlaubspostkarte, hebt sich aber gut von den Umrissen der Stadt ab. Mork hätte sich in sein Riesenosterei verkrochen und wäre sicherlich wieder zum Ork zurückgeflogen – mit der höchsten Einstellungsstufe seiner Scheibenwischer: Idylle ist etwas anderes.

Die ersten Häuser der Stadt werden sichtbar. Ich fahre noch mal rechts ran und nehme aus meinem Handgepäck eine Karte. Jawohl, einen traditionellen Papierklappfaltplan, jetzt fühle ich mich etwas sicherer und nachdem ich mich trotzdem noch zweimal verfahren habe, komme ich endlich auf dem Parkplatz des Hotels „Orkin“ an. Ich hatte mir diese Unterkunft ausgesucht, nicht nur weil ich aus Erfahrung weiß, dass es ein leckeres Frühstück gibt, und „unser“ Zimmer im dritten Stock noch reservierbar war, nein, weil es zentral gelegen ist, eine gute Bewertung hat und weil es relativ günstig ist.

An der Rezeption hat die Dame, mit der ich mich letztes Mal über Erdbeben unterhalten habe, heute Dienst, doch im Gegensatz zu mir erkennt sie mich nicht wieder. Ich checke in der Lightversion ein, denn auch auf diesem Gebiet hat mein Göttergatte alles für mich klargemacht. Ich betrete nach einer kurzen Fahrstuhlfahrt mein Familienzimmer. Es ist noch alles gleich, sauber, schön arrangiert und ich habe das Gefühl, nur kurz weg gewesen zu sein. Ich lasse mich unbeachtet des ganzen Gepäcks und stolz, diese erste Reise-Hürde genommen zu haben, aufs Bett fallen. Ich habe es geschafft – und dieses persönliche Erfolgserlebnis, ganz alleine zu verreisen, möchte ich mit meinen Liebsten teilen.

Eine Brieftaube habe ich nicht, also brauche ich mein Hello-Kitty-Kinder-Smartphone. Ich hasse Handys. Vermutlich, weil ich sie nicht ausreichend bedienen kann. Das liegt an meinem Unfall, den ich als Kind hatte. Ich erwähnte ja schon, dass ich einige Schwierigkeiten habe, wobei ich mich nicht als behindert einstufen möchte. In unserer extrem anstrengenden Leistungsgesellschaft bin ich nur nicht ganz so fit wie eben andere Leute. Ich muss alles, was ich tue, auswendig lernen. Von Landkarten bis Gebrauchsanweisungen bei sämtlichen Elektrogeräten, Arbeitsabläufe notieren und Notizbücher führen, es nervt, aber bis auf einige Dinge habe ich mein Leben ganz gut im Griff. Aber ich will mich dir, lieber Leser, laaangsam anvertrauen, sonst klappst du vielleicht das Buch jetzt schon zu.

Zurück zu meinem Telefon: Es ist kindgerecht zu bedienen, somit für mich überschaubar und auf der Rückseite habe ich einen Notizzettel für den Notfall einfach mit Tesafilm draufgeklebt. Ich weiß, dass das peinlich ist, du brauchst nichts zu sagen … Ich wähle also unsere Nummer und mein Schatz ist gleich am Apparat. Ich versichere Christian, dass alles gut gegangen ist, der Flieger nicht abgestürzt ist und dass ich ihn liebe. Ich war noch nie weg von ihm oder den Kindern, nie zur Kur oder im Krankenhaus. Ich war immer für alle da, doch jetzt bin ich auf Island, am Anfang der Welt, nur du, verehrter Leser, und ich … und mein blaues Superwoman-T-Shirt aus dem Klamotten-Discounter. Denn ich will ein Stück Welt retten, genauso wie das schon hundert Superhelden vor mir gemacht haben. Hier und demnächst, erst in deinem Kopfkino – und dann in Wirklichkeit.

Es ist Mitte Mai und es gibt durchaus noch Schnee, aber die Tageslichtstunden belaufen sich auf wahnsinnige 18 Stunden. Es gibt aufs Jahr betrachtet mehr Helligkeit als auf Jamaika. Hättest du das gewusst? Das ist zwar toll, nutzt mir aber eigentlich nicht so viel, weil ich nachts sieben Stunden Schlaf benötige und es mir relativ egal ist, ob es hell oder dunkel ist. Mich interessiert viel mehr: warm oder kalt – es ist lausig! Die Temperaturen liegen bei acht Grad plus. Mein Superwoman-T-Shirt wird mir als Nachthemd dienen müssen, unter meiner Strickjacke, neben meiner Wärmflasche und passend zu meinen blauen Bett-Stricksocken. Scheißwetter hier.

Es ist Sonntagabend 21 Uhr, der Reisetag war lang und anstrengend, um das Gepäck kümmere ich mich morgen. Und Abendessen? Mach ich auch morgen. Ich will ins Bett und noch etwas Glotze gucken. Das Bad stinkt nach schwefeligem Wasser. Aber das ist auf der Insel so, da gibt es keinen Punktabzug beim Reiseveranstalter. Okay, mit Flaschenwasser kann man sich auch mal ein paar Tage lang die Zähne putzen. Im Hotelrestaurant gibt es eine kostenlose Kaffeebar und Kleingebäck im Selbstbedienungsverfahren. Ich werde es nutzen.

Die Isländer stehen übrigens auf Süßkram. Kuchen, Torten und Gebäck gibt es immer und ausreichend und überall. Leute, ihr seid mir sympathisch, ihr wisst, was ich brauche!

Mit einem Kaffeebecher in der Hand und einem Muffin im Mund sperre ich meine Zimmertür auf – und lasse vor Schreck beides fast fallen. Auf einem der Betten sitzt, an meinem Logo-Shirt fingernd, eine etwa vierzig Zentimeter große Elfe. Ich schmeiße die Tür hinter mir ins Schloss und stelle erst einmal meinen dampfenden Becher ab.

„Mmmbhf … bifft du denn …?“, stammele ich mit dem Mund voller Kuchenkrümel. „… und Hände weg von meiner Nachtwäsche. Das hat Christian mir geschenkt“, ranze ich das Wesen, welches aussieht wie Peggy Bundy in klein, schnell noch an, bevor es mir die Sprache verschlagen wird. Ich glaub das nicht. Hab ich Halluzinationen oder was geht hier vor sich? Ich spreche mit einer Elfe und gebe auch noch Anweisungen. Vielleicht wäre jetzt der richtige Augenblick, um den Mund zu halten und nachzudenken: Ich brauche keine Pillen, auf Droge bin ich auch nicht. Gibt es noch mehr Möglichkeiten? Nein.

Hæ (sprich: Hey), du kannst mich Helga nennen. Wir sagen alle ,du‘ zueinander.“

Während sie mit den Augen klimpert, bin ich bewegungsunfähig. Bin ich in einer Computersimulation gelandet? Pumuckl fällt mir spontan ein. Meister Eder ist jetzt aber nicht auf dem Klo, oder? Ich schiele zur Badezimmertür.

„Wir sind allein.“

Helga hat meinen Blick verfolgt. Eine Simultanübersetzer-Freundin in Form von Tinkerbell oder Lillifee sehe ich auch nicht.

Sie spricht Deutsch. Für mich gibt es jetzt zwei Alternativen:

A) Meine Reise-Fliegenklatsche oder

B) Kommunikation.

Ich entscheide mich für B.

… Ich heiße Steffi, und lass das bitte.“ Ich deute auf mein Shirt. Helga legt den Stoff beiseite, erhebt sich, stopft ihren winzigen Lippenstift in ihre winzige Handtasche und spreizt ihre glänzenden Flügelchen. Mühelos und logischerweise elfengleich schwebt sie Richtung Fensterbank, lässt sich da nieder und streicht andeutungsweise über ihre Frisur. Meine Schrecksekunden verziehen sich allmählich, dennoch muss ich mich setzen. Ich plumpse auf mein Bett und starre sie an – und an und an … Helga kichert. Sie hat eine Glöckchen ähnliche Stimme, steht in Punkto Schönheit einer Barbiepuppe nichts nach und trägt bunte Leggins zu roten Pumps. Ihre  Jeansjacke mit Strass-Sternchen betont ihre Oberweite. Diese Elfendame entspricht nicht meinem disneygeprägten Vorstellungsvermögen von rosa Blümchen und Zeichentrick. Emily Erdbeer wäre ja noch gegangen, aber eine Elfe mit Busen … ? Okay, sie sieht eben aus wie Peggy Bundy, da kann sie auch nichts dafür.

„Ich mag Kekse. Hast du welche?“ Sie plinkert mit ihren perfekt getuschten Wimpern.

„Nein. Nur noch diesen Rest .“ Ich halte ihr den halben Muffin hin.

„Gut, besser als nichts.“ Sie nimmt das angebotene Gebäck und bricht winzige Krümel ab. „Lecker. Danke. Wie gesagt, ich bin Helga und ich bin oft hier.“ Sie wirbelt mit den Händchen über ihrem Kopf herum.

„Aber … meine Familie und ich … damals … äh, wir … warst du vor zwei Jahren auch schon da?“, stammele ich erstaunt.

„Ja, manchmal. Erinnerst du dich an die Uhr?“ Sie grinst.

Christians Uhr blieb immer kurz vor Mitternacht stehen. Die Batterie war alle, aber wir haben die Kinder aufs Korn genommen und Scherze darüber gemacht, dass ein Elf darin wohnen würde, und haben somit den einheimischen Glauben in unser Urlaubsfeeling einfließen lassen. Für Festland-Europäer ist die Existenz von Elfen und Trollen unnachvollziehbar. In keinem Religionsunterricht spricht man über diese Alternative und diese Art der Vorstellungskraft endet normalerweise, nachdem man aus der Kinderecke der örtlichen Bücherei herausgewachsen ist.

Auf Island ist das anders. Die Hälfte der Bevölkerung, das sind rund 160.000 Menschen, glauben an diese Lichtgestalten. Aus religiöser Sicht hat das Land nach der Besiedelung durch die Wikinger nicht mehr viel dazubekommen, außer natürlich einigen Missionaren, die das Christentum verbreitet haben. Die eine Hälfte der Leute hat Jesus geschluckt, die andere Hälfte eben nicht. So einfach ist das.

Ich selbst glaube nicht unbedingt an Gott, aber dass es ihn nicht gibt, auch nicht. Die Evolutionstheorien finde ich interessant, das Gute im Menschen ist ein Muss. Naturgesetze, Technik und Schulmedizin bestimmen unseren Alltag, aber an Elfen glauben? Hmm … das muss ich jetzt ja wohl. Ich bin doch nicht blöd! Ich frage sie forsch:

„Du bist doch jetzt nicht zufällig erschienen, oder?“ Wer weiß, wie lange sie noch sichtbar bleibt.

„Nein, ich erscheine nicht zufällig. Ich kann das steuern.  Wenn man uns nicht sieht, sind wir untergetaucht oder versteckt oder entmaterialisiert. Wir leben auf der Insel, genau wie die Menschen. Winkel, Nischen, Höhlen … Ich mag eben dieses Hotel.“

„Na, wenn das so ist …“ Mein Fragenkatalog formiert sich langsam hinter meiner Stirn. „Es gibt euch also tatsächlich. Wie sieht es denn mit speziellen Fähigkeiten aus? Dinge verschwinden lassen. Lesen und schreiben wäre toll. Handy bedienen vielleicht … und Internet?“

Helga lacht: „Du hast Glück.“

Ich beginne dieses zu realisieren, und meine Verkrampfung lockert sich. Sie kramt derweil eine winzige Nagelfeile aus der Tasche und setzt an, sie zu benutzen. „Ich bin nicht so eine Wald- und Wiesenelfe. Reykjavik hat so vieles mehr als nur Pferdemist und Schafgeblöke zu bieten. Ich bin eine Stadtelfe. Ich arbeite hier und zwischendurch fliege ich nach Hafnarfjörður zu meiner Verwandtschaft.“

„Du arbeitest …?“ Ich staune schon wieder.

„Ja, und hier liegt eben dein Glück. Ich bin sozusagen ein Mitglied des Elfenparlaments. Mein Büro befindet sich auf dem Dachboden. Die Tür hinter der Besenkammer und den Gang entlang. Am Ende ist ein hässliches Bild aufgehängt. Die Tür daneben. Man kann es nicht übersehen.“ Unbeirrt feilt sie an ihren Nägeln. Wie geil ist das denn alles?

„Helga, du kannst aber keine Gedanken lesen, oder?“ Ich muss wissen, woran ich bei ihr bin.

„Nein, aber alles andere schon, und Bürotätigkeiten gehören nun mal zu meinem Job. Handy und Computer – eben alles, was das Leben leichter macht, brauche ich nun mal, um die Interessen meiner Mitbevölkerung zu vertreten.“

Meine Neugier ist endgültig geweckt. Handys und Computer machen das Leben vieler Leute leichter, meines nicht. Ich fühle mich abhängig, nichts geht ohne Kontrolle; ständig die Technik optimieren zu müssen, da sie sonst veraltet ist, macht zusätzlich Druck, ganz zu schweigen von der alleinigen Bedienung der Hardware. Irgendwann werde ich mich auch von Hello-Kitty wieder verabschieden müssen. Mal sehen, vielleicht ist auf dem Neuen ja ein Pokémon drauf oder so. Ich kann meinen Blick nicht von Helga lassen. Sie sitzt also im Parlament, es liegt somit eine Hierarchie vor. Solch eine Struktur bringt sicherlich nicht nur Gutes mit sich. Wie sieht es  mit den Konflikten aus?

Wo liegen im Elfenland wohl die Prioritäten?

„Erzähle mir doch etwas über deine Welt. Wie lebt ihr?“, fordere ich sie neugierig auf.

„Bei uns gibt es alles, was es auch in der Menschenwelt gibt, nur ist alles viel kleiner. Wir sind fast eine Million Elfen, das heißt, auf jeden Insulaner kommen circa drei von uns. Es gibt fast alle Berufe, wir produzieren, organisieren und handeln. Alles unter Ausschluss der Menschheit natürlich. Nur manchmal lassen wir ein paar Spuren zurück, um uns im Bewusstsein der Leute zu halten. Oder wenn wir auf jemanden treffen, der so ist wie du, nehmen wir auch mal Kontakt auf.“

Pikiert hake ich nach: „… äh, wie bin ich denn …?“

„Eben untypisch touristisch, du passt weder in die Kategorie ‚Familie‘ oder ‚Rucksack‘ noch in die der ‚Shoppingqueen‘. ‚Künstlerin‘ passt auch nicht. Du scheinst eine Büro-Allergie zu haben, schreibst Postkarten statt SMS, allein dieser Zettel auf deinem Kindertelefon geht gar nicht! Im Ganzen bist du deiner Zeit hinterher. Deine Klamotten und dein Styling sind altbacken. Pferdeschwänze mögen ja praktisch sein, aber im Stall und nicht in einem Hotel.“

Ganz schön überheblich, die Kleine. Aber sie bringt es leider auf den Punkt. Frech kontere ich:

„Schätzchen, ich habe auch meine guten Seiten!“ Ich glaube, ich möchte ihr noch nicht alle Handicaps, die ich mit mir herumschleppe, auf einmal auf die Nase binden; wenn sie sie kennen würde, hätte sie zwar eine bessere Meinung von meinem Plan, aber wahrscheinlich nicht von mir. „Ich bin Umweltschützerin!“ Ich strecke ihr demonstrativ mein blaues Drei-Euro-Teil von KiK entgegen.

„Was willst du eigentlich auf unserer Insel? Ich könnte dir vermutlich helfen.“ Helga hat eine Körperhaltung auf der Fensterbank wie ein Teenager. Es ist sicherlich unhöflich, eine Elfe nach ihrem Alter zu fragen. Ich verkneife mir dies, stufe sie als alterslos ein und beschließe, ihr Hilfsangebot auf jeden Fall anzunehmen.

„Eisbären sind zum Symbol für die Klimaerwärmung geworden. Ich möchte sie retten und eine Greenpeace- oder WWF-Aktivisten-Gruppe gibt es in unserem Dorf nicht. Mittlerweile treibe ich mich auch nicht mehr an Kastor-Transportgleisen herum oder verursache Staus auf Autobahnen, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. Das ist alles lange vorbei. In jüngster Zeit habe ich nicht viel mehr geleistet, als mich bewusst gegen den Kauf von umweltschädlichen Produkten zu entscheiden und ich habe Petitionen gegen Tierversuche unterschrieben. Auch haben wir einige Haustiere aus schlimmen Verhältnissen bei uns zu Hause aufgenommen. Aber meine tatsächliche Bewunderung gilt den Leuten, die sich mit Schlauchbooten an zu versenkenden Ölplattformen anketten. Ich kann da aber nicht mitmachen, weil … ach, das erzähle ich dir später. Somit muss ich im Rahmen meiner Möglichkeiten agieren, und mein Mutpegel steigt nicht über selbst für Senioren geeignetes Rafting im Freizeitpark, obwohl ich wirklich gerne mal auf so einem Protest-Schlauchboot dabei wäre.“ Ich bin etwas verlegen.

„Du buchst einfach einen Flug und … dann? Wie geht es jetzt weiter?“, fragt sie mich skeptisch.

„Oh, ich möchte mit dem Bürgermeister der Hauptstadt sprechen und somit an richtiger Stelle an euer Umweltbewusstsein appellieren. Auf Island ist alles relativ unkompliziert. Das wird schon gehen. Es gibt wenig Bürokratie. Außerdem, wenn man den richtigen Nerv trifft, sprich Geld, das von Touristen ins Land eingespült wird, und ein öffentliches Reservat für die Eisbären baut, lässt sich ein tolles Projekt daraus machen. Ihr habt eure Landesulknudel, den Komiker Jon Gnarr zum Oberhaupt von Reykjavik gemacht, das beweist doch, dass ihr neue Wege gehen könnt. Mir hat sein Wahlslogan ‚Einen Eisbären für den Zoo‘ wirklich gut gefallen. Schade nur, dass es bis jetzt nicht dazu kam.“

„Er hatte ja auch versprochen, seine Versprechen nicht zu halten“, nimmt Helga ihn in Schutz.

„Ja, ich weiß, leider.“

„Wenn ich dir helfen soll, musst du mir mehr Informationen geben.“

„Es werden doch manchmal Eisbären auf Grönland-Eisschollen angetrieben, und wenn sie an Land gehen, werden sie erschossen. Ausgehungerte Raubtiere sind gefährlich, das verstehe ich, aber die Population schmilzt und zwar so schnell wie die Eisschollen, auf denen sie sitzen. Jedes einzelne Tier ist schützenswert. Auf dem Kontinent ist das im Bewusstsein der Leute angekommen. Nur hier nicht. Ich möchte mich mit Jon Gnarr über dieses Problem unterhalten, aber ich spreche weder eure Sprache, noch werde ich einfach ins Büro hereinplatzen können. Es wäre nett, wenn du mir diesbezüglich helfen könntest“, versuche ich meinen ersten Ansatz noch einmal zu verdeutlichen. Hm … Rhetorik ist auch nicht so meine Stärke. Da ist noch Potenzial, ich werde einen Trainings-Kurs besuchen.

„Aber genauso hättest du es getan, wenn wir uns nicht begegnet wären, nicht wahr? Du wärest einfach so in sein Büro reingeplatzt.“ Helga trifft den Nagel so hart auf den Kopf, dass mir dieser sogar zwischen die Schultern sackt.

„Ich denke mal – ja“, gebe ich kleinlaut zurück.

„Ich kenne dich schon besser, als du glaubst. Wenn ich dir helfe, wirst du dann auch etwas für mich tun?“

„Kommt darauf an, ob es im Bereich meiner Möglichkeiten liegt.“ Ich hoffe insgeheim, dass ich mich nicht mit einem Troll duellieren soll oder Brieffreundschaften zu Dornröschen aus dem Hut zaubern muss. Meine Kontakte ins Märchenland sind mit zunehmender Schuhgröße meiner Kinder geschrumpft. Was wird sie für einen Handel vorschlagen?

„Ich möchte nach Paris ins Disneyland. Deal or no Deal?“

Helgas Charme muss man einfach unterliegen.

„Deal.“ Ich halte ihr die Hand entgegen, um abzuklatschen. Mal sehen, wann ich den ‚Zonk‘ erwische…