Leseprobe

Was erwartet dich?

 

Eine abenteuerliche Fantasy-Story gepaart mit Reiseerzählungen, Tipps für einen Island-Urlaub treffen auf Sagas in der Lightversion, magische Momente a lá Cecilia Ahern kombiniert mit Humor wie wir ihn von Tommy Jaud kennen. Löst man den roten Faden um die verpackte X-Mas-Geschichte und wickelt das Papier der Freundschaft und Hoffnung ab, so kommt es zum Vorschein: Das Geschenk an unsere Umwelt. Kleine Tipps was du selbst tun kannst um Umweltschutz zu betreiben, kreuzen sich mit dem eigentlichen Projekt: Die Entstehung einer Eisbären-Auffangstation. Ja, auch eine Baustelle kann lustig sein... 

Diese geschickt verknüpften, vielschichtigen Genres, passen nicht in eine Schublade, das ist auch nicht gewollt, denn

                         

                           Umweltschutz geht schließlich alle an!

 

 

1. Kapitel

 

Nervös fummele ich an meinem Taschentuch. Ich werde immer unruhiger, denn dieser Augenblick, wenn man in den Sitz gedrückt wird, die Maschine Anlauf nimmt, beschleunigt und abhebt, bringt mich immer fast um den Verstand. Ich hasse fliegen, da gibt es nichts zu beschönigen. Obwohl ich dem eigentlich gelassen entgegensehen müsste, denn ich habe das früher beruflich gemacht. Nein, ich bin keine Pilotin oder Stewardess, ich habe die Dinger repariert. Ich bin Fluggerätmechanikerin, oder eher: Ich war es, ich habe vor langer Zeit meinen Blaumann – zugunsten meiner Küchenschürze – in meinem Spind zurückgelassen, doch mittlerweile kann mein Nachwuchs selbst kochen. Jetzt fragst du dich sicher:

„Ist die blöd? Warum geht sie nicht zurück zu ihren Fliegern und tauscht so einen coolen Job gegen Eisbären?“

Oh, den Grund will ich dir gerne verraten: Ich habe einen toten Eisbären gesehen – und es war scheiße. Es gibt genug Leute, die sich um kaputte Flugzeuge kümmern, aber unsere Natur braucht viele heilende Hände: Ich will lieber ein Stück Welt reparieren, anstatt totes Blech zusammenzuschrauben. Daher bitte ich dich: Bleibe bis zum Schluss an meiner Seite. Du bist die finanzielle Basis dieses unkonventionellen Projektes – ohne dich wird es nicht zum Laufen kommen.

Also Prösterchen, auf gute Zusammenarbeit.

„Ich“ bin übrigens authentisch, also keine erfundene Person, aber weil eine reine Autobiografie die Ausmaße eines Pixi-Buches gehabt hätte, bin ich nur der Kitt zwischen allen Bauteilen dieses Projektes geworden. Okay, vielleicht werde ich die Spachtelmasse streckenweise mal etwas dicker auftragen, aber sonst wäre es ja auch keine Abenteuergeschichte geworden. Augenblicklich muss ich mich aber erst einmal von meiner Stresssituation etwas ablenken - deshalb drücke ich meinem Sitznachbarn einfach die Opferrolle auf:

„Entschuldigung, ich habe so schreckliche Flugangst, darf ich mich Ihnen vorstellen?“

„Okay, wenn es sein muss …“, der Herr neben mir ist gelangweilt.

„Ich heiße Stefanie, bin 44 Jahre alt, recht groß und schlank, aber das können Sie jetzt nicht so sehen. Ich bin zwar alleinreisend, aber momentan froh darüber, dass ich hier drinnen nicht alleine bin und Sie mir wenigstens gedanklich die Hand halten.“

„Lassen Sie Ihre Hände schön da, wo sie sind.“ Er ruckelt seinen Schal zurecht.

„Natürlich, ich meine ja auch nur gedanklich. Da wir nun quasi Sitznachbarn sind, können wir uns auch duzen. Auf Island ist das ganz normal. Ich könnte dir meine halbe Lebensgeschichte anbieten, Hausfrauenkram ist aber nicht wirklich spannend. Spannend ist, weshalb ich auf die Insel reise: Ich möchte aktiven Umweltschutz betreiben und dort etwas für Eisbären tun.“

„Okay, ‚du‘ wolltest dich vorstellen und mir keinen Knopf ans Ohr reden. Es gibt auf Island übrigens gar keine Eisbären.“ Mein Nachbar zieht seinen Hut tiefer ins Gesicht. Warum muss ich ausgerechnet an so einen Brummbären geraten? Er scheint nicht sehr gesprächig zu sein.

„Ach, was du nicht sagst. Deshalb will ich sie da auch etablieren. Diese zotteligen Riesen haben es nicht leicht, ich habe mal einen toten Eisbären gesehen, das hat mich so wütend gemacht, dass ich beschlossen habe, dieses Ding wirklich durchzuziehen. Wusstest du, dass angespülte Tiere, die aufgrund der Klimaerwärmung ihre Heimat verlassen müssen, ewig auf ihrer Scholle geschippert, ausgehungert und kraftlos sind, einfach abgeschossen werden, wenn sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben?“

„Nö…“

„Ich aber - und das ist so grausam. Nur weil die Isländer angeblich kein Geld für eine Auffangstation haben, kann man doch nicht diese wunderbaren Geschöpfe einfach abknallen. Schließlich stehen sie auf der Roten Liste. Stelle dir mal vor, du persönlich stündest so einem Bären gegenüber, schaust ihm Auge in Auge, legst dann ganz gezielt – und nicht aus Notwehr – ein Gewehr an und musst dieses arme Tier erschießen, nur weil dein Chef nicht weiß, wo er es unterbringen soll. Vielleicht ist es noch nicht einmal gleich tot, es brüllt und blutet und du musst noch mal nachladen, schrecklich, nicht wahr? Verstehst du, was ich meine? Oh, ich rege mich schon wieder auf!“

„Ja, das ist wirklich nicht toll, aber was willst du denn alleine gegen so etwas ausrichten?“ Ich bemerke an seinem Tonfall, dass es ihm anscheinend egal ist.

„Es ist immer leicht wegzusehen, aber irgendjemand muss es ja tun. Die Klimaerwärmung hat schon lange angefangen, es werden immer mehr Eisbären auf Island ankommen. Aber ich habe einen Plan: Ich möchte mit der Regierung sprechen, ein Reisetagebuch führen und es später verkaufen. Das Geld für diese Geschichte wird den Eisbären dann schon helfen.“

An den hochgezogenen Brauen, die plötzlich über den Sonnenbrillenrand hinwegschauen, erkenne ich etwas Abwertendes, dann verschwindet er einige Minuten schmunzelnd hinter seiner Zeitung.

Ich nehme einen neuen Anlauf:

„Aber jetzt zu dir, warum reist du eigentlich auf die Insel? Du bist doch sicherlich ein Abenteuer-Fan? Was wirst du dort tun? Eiskraxeln oder Reiten? Oder bist du vielleicht ein Höhlenforscher?“

„Gar nichts von dem.“ Genervt lässt er die Zeitung auf die Knie sinken.

„Ach so, du bist also ein Lesetourist“, stelle ich freundlich fest und setze nach, um das Gespräch am Laufen zu halten. „Du wirkst übrigens sympathisch auf mich, aber Survival oder zumindest Camping ist schon dein Ding, oder? Hast du eigentlich schon eine Unterkunft?“

„Ja. Einen Lesesessel - und jetzt ist Schluss mit dem Verhör!“

„Eigentlich könntest du auch bei mir wohnen, ich habe genug Platz. Begleite mich doch einfach, aber ich muss dich vorwarnen, ich habe aufgrund eines Unfalles ein paar Schwierigkeiten im Gepäck des Lebens. Ich habe keinen Orientierungssinn und ein gestörtes Gleichgewichtsorgan. Wobei Letzteres nicht so nervig ist wie immer nicht zu wissen, wo man gerade ist, und immer alles so neu auf einen wirkt. Last but not least, bin ich auch nicht sonderlich diplomatisch, das ist auch nicht immer leicht, sage ich dir. Dafür ist es mein Mann umso mehr. Er ist übrigens beruflich sehr eingespannt, wie alle Leute, die auf der Karriereleiter stehen, das ist auch der Grund, weshalb ich alleine unterwegs bin.

Aber ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln und was den Tag sonst noch verdirbt, ist nach achtzehn Jahren Vollzeit–Mutter - Dasein einfach so abgedroschen, dass es Zeit für ein kleines Abenteuer ist. Nein, ich werde mir keine Affäre zulegen, aber ich werde mir die Freiheit nehmen, mich auch mal um mich zu kümmern, und nicht nur um den Geschirrspüler. Außerdem will ich die Welt verbessern. Willst du mich jetzt begleiten, oder nicht?“

„Ja, aber ich werde nicht aus meinem Sessel aufstehen.“

„Abgemacht. Du kannst nicht zufällig Isländisch?“

„Nein.“

„Ich auch nicht, aber auf Island kommt man mit Englisch ganz gut klar. Stewardess, könnte ich bitte noch einen Kaffee bekommen? Danke. Willst du auch einen?“

„Ja.“

„Bitte sehr, zu einem guten Buch gehört mindestens eine Tasse Kaffee.“ Ich reiche eine Tasse an meinen Sitznachbarn durch. „Eine Kleinigkeit würde ich gerne noch anmerken: Sollten wir auf dem Rückflug wieder nebeneinander sitzen, bitte ich dich, am Abend vorher keine Fische zu räuchern, der Duft zieht so in die Kleidung, und die Schuhe lasse auch bitte an. Danke, das musste ich bei meinem letzten Flug nämlich schon einmal aushalten und entschuldige bitte, dass ich so viel geredet habe, aber ich bin schrecklich nervös, wenn ich in einem Flugzeug sitze.“

Endlich höre ich die Durchsage: „Meine Damen und Herren, wir verlassen nun unsere Reisehöhe. Ich bitte Sie, sich anzuschnallen, die Lehne und das Tischchen in aufrechte Position zu bringen, wir werden in einigen Minuten in Kevlavik, Island landen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und einen angenehmen Aufenthalt auf unserer Insel.“

„Dann wirst du wohl endlich den Mund halten und mit der Geschichte beginnen.“

„Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden.“

„Klappe, Tussi.“

„Ach so ja, natürlich. Danke, dass du darauf geachtet hast.“ Und ich klappe mein Tischchen nach oben.

 

2. Kapitel

 

Die Maschine ist gegroundet, die entsprechenden Signale, um die Gurte zu lösen, erscheinen und erstrahlen in meinen Augen wie die Weihnachtswelt bei den Griswolds. Endlich kann ich wieder raus.

Kevlavik ist der Hauptstadt Reykjavik circa vierzig Kilometer vorgelagert und ist ein internationaler Flughafen, aber nur halb so groß wie der in Hannover oder Münster-Osnabrück. Viel mehr als eine Ankunftshalle, Gepäckband, ein Imbissstand und der Ausgang ist hier nicht, und um die Ecke auf dem Hof ist ein Autovermieter ansässig. Ich wuchte meine Taschen auf einen Gepäckwagen und schaue mich nach dem orange-schwarzen Schriftzug des weltweiten Autoverleihers um.

Vor zwei Jahren haben wir auf der Insel unseren Sommer-Familienurlaub verbracht, aber dass ich schon einmal da war, heißt bei mir nichts. Einmal ist keinmal; um mich auszukennen, brauche ich schon etwas mehr – mehr von allem; aber erst einmal brauche ich ein Auto, um von hier wegzukommen, denn Kevlavik ist nicht mein Bestimmungsort, hier ist nur der Flughafen – und schätzungsweise fünfzig Häuser und ein oder zwei kleine Hotels.

Ein Auto leihen via Internet habe ich noch nicht gemacht. Das macht mein Mann Christian immer, denn er bekommt ja auch die Prozente, ich hingegen die Krise, wenn ich vor dem Rechner sitze. Wir haben eben klare Arbeitsteilung bei der Reisevorbereitung, er macht solche Sachen und ich kümmere mich um die Klamotten, so funktioniert unser familiäres Teamwork schon viele Jahre lang.

Mutig gehe ich auf den Sixt-Schalter zu. Ich spreche kein Isländisch. Ich habe es versucht zu lernen, aber es ist schwer und auf dem europäischen Festland so gut wie unnötig. Es ist ein Nice-to-have und eine so winzige Nische, in die ich nicht mal hineinpassen würde, selbst wenn ich die Größe von Nils Holgersson angenommen hätte. Du kennst doch den Däumling, der mit seinen Gänsen durchs Vorabendprogramm bis nach Lappland flog?

Ich steuere auf die skandinavisch anmutende Blondine hinter dem Schalter zu und lege mir meine Fragen auf Englisch zurecht, da überreicht sie mir, nachdem ich meinen Namen genannt habe, schon lächelnd den Autoschlüssel samt Navi, zeigt auf die Unterschriftenzeile, und gibt mir freundlich zu verstehen, dass mein Mann bereits alles gebucht und bezahlt hat. Sie wünscht mir eine vergnügliche Zeit in ihrem Land und bei Problemen stünde sie gerne zur Verfügung. Welches meiner vielen Probleme wird sie wohl meinen? Alle … ?